Chipindustrie in Taiwan: Arbeitsmigrant*innen unter Druck
Branche mit umstrittenen Arbeitsbedigungen: Chipfabrik in Hsinchu (Taiwan, Juni 2023)
© Lam Yik Fei /The New York Times / Redux / laif
Deutsche Automobilkonzerne beziehen Halbleiter zum großen Teil aus Taiwan. Dabei verletzt der ostasiatische Staat systematisch die Rechte von Arbeitsmigrant*innen. Ein Bericht aus der Lieferkette.
Aus Taipeh Felix Lill
Kim Beltrán fühlt sich, auf gut Deutsch gesagt, verarscht. "Einzelzimmer hatten sie uns versprochen", sagt der 31-jährige Filipino, als er Fotos von seiner Behausung zeigt. "Stattdessen müssen wir uns zu zwölft einen Raum mit Hochbetten teilen. Und für uns alle gibt es nur zwei Toiletten." Das sei besonders ärgerlich, weil die Bewohner des Zimmers in unterschiedlichen Schichten arbeiteten und sich gegenseitig störten, wenn sie aufstehen oder zu Bett gehen.
Beltrán, der eigentlich anders heißt, lebt seit acht Jahren in Taiwan und arbeitet am Rande von Taipeh im Halbleitersektor. Weil er seinen Job bei ASE – einem führenden Betrieb für Tests von Sensoren für Elektroprodukte – nicht verlieren will, möchte er seinen richtigen Namen nicht öffentlich machen. "Unsere Produkte sind für Smartphones und für den Automobilsektor – unter anderem VW und Audi nutzen sie", berichtet Beltrán, der für das Be- und Entladen von Maschinen mit verantwortlich ist und täglich zwölf Stunden in der Fabrik verbringt.
Wie Bürger*innen zweiter Klasse
Er fühle sich ausgebeutet, wie viele seiner Kolleg*innen. "Viele von uns müssen schwere Lasten heben, Pausen und Ruhezeiten gibt es kaum", erzählt er in einem Café nahe der Fabrik. "Einige von uns haben sich über die Wohnbedingungen beschwert. Doch wenn sie sich etwas Eigenes suchen, wird die Miete für das Zwölfbettzimmer trotzdem vom Lohn abgezogen!" Die Miete beträgt fast 15 Prozent des monatlichen Grundlohns von umgerechnet etwa 820 Euro, den ausländische Industriearbeiter*innen bekommen. "Auch bei Krankheit wird uns Lohn abgezogen."
In Taiwan arbeiten rund 810.000 Menschen aus südostasiatischen Ländern – auf Basis bilateraler Verträge mit den Philippinen, Vietnam, Indonesien und Thailand. Sie verdienen hier bis zu 30 Prozent mehr als in ihrer Heimat und schicken einen Großteil ihres Lohns an ihre Familien. Trotz der oft schlechten Arbeitsbedingungen hängen sie daher an ihren Jobs.
Arbeitsrechtsaktivist Lennon Ying-Da Wang
© Felix Lill
In der Halbleiterindustrie steckt viel Geld: Mehr als die Hälfte der weltweit produzierten Mikrochips kommen aus Taiwan. Bei den besonders anspruchsvollen Halbleitern liegt der Weltmarktanteil sogar bei etwa 90 Prozent. Doch obwohl es der taiwanesischen Wirtschaft an Arbeitskräften mangelt, werden die Menschen aus dem Ausland oft wie Bürger*innen zweiter Klasse behandelt, sagt Marcin Jerzewski vom taiwanesischen Büro des Thinktanks European Values Center for Security Policy: "Für sie gelten nicht dieselben arbeitsrechtlichen Regeln wie für Taiwaner*innen." In den Sektoren, in denen viele ausländische Arbeitskräfte beschäftigt sind, liegt der Mindestlohn für sie meist niedriger als der für Einheimische. "Auch einen dauerhaften Aufenthaltsstatus zu bekommen, ist sehr schwierig."
"Das ist Rassismus, Faschismus, Apartheid"
Angesichts dessen, dass Taiwan eine junge Demokratie ist, die nach großen Bürger*innenprotesten 1987 entstand, scheint dieses System aus der Zeit gefallen. Menschenrechtliche Standards würden ansonsten weitgehend eingehalten, sagt Jerzewski. "Aber die Behandlung der Arbeitsmigrant*innen ist einer der größten Schandflecke." Die Regierung sieht das anders. "Die Behauptung, Taiwan nutze ausländische Arbeitskräfte aus, ist nicht richtig und basiert auf Unkenntnis", teilte das Arbeitsministerium auf Anfrage mit. Die Rechte der Arbeiter*innen würden gewahrt: "Es gibt rund um die Uhr eine kostenlose zweisprachige Beratung, die Beschwerden von Arbeitsmigranten unmittelbar an die lokale Aufsicht weiterleitet." Zudem kümmere sich eine Schlichtungsstelle um Verletzungen des Arbeitsrechts, Missbrauchsfälle und Menschenhandel.
Lennon Ying-Da Wang bringen solche Aussagen auf die Palme. Der Gewerkschafter findet für die Behandlung von Arbeitsmigrant*innen in Taiwan drastische Worte: "Das ist Rassismus, Faschismus, Apartheid. Für Ausländer gelten andere Gesetze. Sie haben nicht einmal Zugang zur Rente, obwohl sie in das System einzahlen." Die Grundrente, auf die nach 15 Jahren Anspruch bestehe, erhielten Migrant*innen nicht – aufgrund ihrer befristeten Verträge hätten sie zuvor das Land bereits verlassen.
Wang arbeitet für die Organisation Serve the People Association, die sich für Arbeitsmigrant*innen einsetzt. Am Rande eines Kongresses über Arbeitsrechte in Taipeh schildert er typische Fälle: "Viele Arbeitgeber nehmen den Beschäftigten die Pässe weg. Manche werden körperlich misshandelt oder müssen die gefährlichsten Jobs erledigen. Die gesamte Gesellschaft steht Arbeitsmigrant*innen feindselig gegenüber." Auch die behördlichen Schlichtungsmechanismen führten kaum zu Lösungen.
Widerspricht dem deutschen Lieferkettengesetz
Kim Beltrán berichtet, er habe unterschrieben, sich nicht gewerkschaftlich zu betätigen. "Wir dürfen uns als Arbeiter nicht organisieren. Das steht in dem Vertrag, den wir mit dem Vermittler abgeschlossen haben." Ein Vertrag laufe über drei Jahre. Wenn jemand aufmüpfig werde, werde der Vertrag nicht verlängert. Andere Arbeitsmigrant*innen berichten, die philippinischen Behörden hätten sie bereits vor der Ausreise bei Orientierungsseminaren darauf hingewiesen, dass es verboten sei, Kolleg*innen in Taiwan zu Streiks anzustiften. Fotos dokumentieren dies. Das zuständige philippinische Ministerium will sich dazu jedoch nicht äußern. Dabei verletzt dieses Verbot Menschenrechte wie das Recht, Gewerkschaften zu bilden und diesen beizutreten, und das Recht auf Freiheit von Diskriminierung.
Es widerspricht auch dem deutschen Lieferkettengesetz, das seit 2023 die Verantwortung in globalen Lieferketten regelt. Demnach sind in Deutschland ansässige Betriebe mit mindestens 1.000 Mitarbeitenden verpflichtet, alle Ebenen ihrer Lieferketten zu überwachen. Sie müssen unter anderem dafür Sorge tragen, dass es weder Kinder- noch Zwangsarbeit gibt, Arbeitnehmer*innenrechte gelten und die Umwelt weitgehend geschützt wird. Beltráns Arbeitgeber ASE, der Zulieferer in der Chipindustrie, hat auf eine entsprechende Anfrage jedoch nicht reagiert.
Die taiwanesische Regierungspartei DPP habe das Problem der Arbeitsmigrant*innen verstanden, betont Alysa Wen-li Chiu, die in der Programmabteilung der DPP arbeitet. Doch sei eine umfassende Kontrolle nicht möglich: "Die Betroffenen werden mal von ihren Arbeitgebern ausgenutzt, mal von ihren Vermittlern." Marcin Jerzewski vom European Values Center for Security Policy betont hingegen, dass es an politischem Willen mangele, das bestehende System zu ändern. Es funktioniere für die Volkswirtschaft einfach zu gut, um es zu hinterfragen. "Die Unternehmen in Taiwan profitieren von diesem System. Sie benötigen billige Arbeitskräfte, die sie nach einer gewissen Zeit austauschen können. Dahinter steht die bloße Gier der Unternehmen."
Felix Lill ist freier Südostasien-Korrespondent. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.
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