Kenia: Wie eine Stiftung Mädchen vor Zwangsheirat und Genitalverstümmelung schützt
Mehr als 300 Mädchen leben und lernen derzeit in der Samburu Girls Foundation (Kenia, 2025)
© Nicoló Lanfranchi
In Kenia ist die Verheiratung junger Mädchen immer noch weit verbreitet, ebenso ihre Genitalverstümmelung. Besonders betroffen ist der Bezirk Samburu im Norden des Landes. Dort versucht die Samburu Girls Foundation Mädchen vor diesem Schicksal zu bewahren und mit Bildung für ihre Unabhängigkeit zu sorgen.
Von Nicoló Lanfranchi (Text und Fotos)
Die Samburu Girls Foundation in Kenia wurde im Jahr 2011 von Josephine Kulea gegründet – einer Frau, die selbst nur knapp einer Kinderehe und der Genitalverstümmelung entging. Die Frauenrechtsaktivistin wuchs in einer Gesellschaft auf, in der Mädchen früh verheiratet oder durch das traditionelle "Beading" als heiratsfähig markiert werden. Beim "Beading" werden Mädchen mit Perlen geschmückt und einem entfernten Verwandten zum Sex übergeben. "Ich konnte einfach nicht zusehen, wie Mädchen missbraucht und zum Schweigen gebracht werden", sagt die gelernte Krankenschwester.
Veränderung ist möglich
Die Probleme, gegen die Kulea und ihre Stiftung kämpfen, sind riesig: Nach Angaben von Unicef und kenianischen Behörden sind landesweit 23 Prozent der Mädchen unter 18 Jahren verheiratet. Rund 15 Prozent der kenianischen Mädchen und Frauen zwischen 15 und 49 Jahren erlitten Genitalverstümmelung, in ländlichen Gebieten liegt der Anteil fast doppelt so hoch. In Samburu, im Norden des Landes, ist diese Praxis weitverbreitet. Mit ihrer Stiftung geht Josephine Kulea dagegen vor. Sie gründete ein Zentrum, in dem derzeit mehr als 300 Mädchen leben: Sie gehen zur Schule, treiben Sport, genießen kostenlose Bildung und entwickeln Selbstvertrauen. Das Zentrum beweist, dass inmitten einer patriarchalen Gesellschaft Veränderung möglich ist. Um Mädchen vor einer Zwangsheirat zu schützen oder sie aus einer erzwungenen Ehe zu holen, arbeitet die Stiftung auf der Grundlage von Gesprächen und Verhandlungen mit Dorfgemeinschaften, Stammesältesten und religiösen Autoritäten zusammen, aber notfalls auch mit Polizei und Justiz – Zwangsverheiratungen sind illegal, deswegen unterstützen manche Behörden Kulea.
Sandra besuchte eine Schule, studierte Sozialarbeit und arbeitet nun als Sozialarbeiterin in der Samburu Girls Foundation (Kenia, 2025)
© Nicoló Lanfranchi
Sandra
Sandra, 23 Jahre, erlebte schon früh Erniedrigung: Bereits mit sechs Jahren versprach ihr Vater sie einem 30-jährigen Mann, im Tausch gegen sechs Kühe. "Ich kannte ihn nicht, und plötzlich lebte ich bei seiner Mutter. Alle Kinder im Dorf sagten: 'Du bist verheiratet.' Es hat mich verfolgt und mich daran gehindert, mein eigenes Leben zu führen." Sandra konnte fliehen, kam zuerst in ein Waisenhaus und wuchs später bei einem Pflegevater auf – Kuleas Stiftung gab es damals noch nicht. Sie besuchte eine Schule, studierte Sozialarbeit und arbeitet nun als Sozialarbeiterin in der Samburu Girls Foundation. Sandra blickt ohne Bitterkeit zurück: "Meine Mutter wurde ebenfalls als Mädchen verheiratet. Ich kann sie nicht verurteilen." Sie habe Geduld und Stärke gelernt und möchte jetzt grundlegende Dinge verändern: "Die Hauptursachen sind die Macht der Männer und die Armut. Aber wenn Eltern verstehen, wie wichtig Bildung ist, geben sie ihre Kinder nicht weg."
Angela hat inzwischen ihre Schulausbildung abgeschlossen, hilft heute freiwillig in der Organisation und träumt davon, zu studieren (Kenia, 2025)
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Angela
Angela, 21 Jahre, erzählt ihre Geschichte mit derselben Klarheit: "Als ich sieben war, bekam ich Perlenketten – das Zeichen dafür, dass ich verheiratet werden sollte. Mit zehn wollten meine Eltern mich an einen 50-jährigen Mann geben. Aber Josephine Kulea erfuhr davon, machte Druck, nahm mich mit und brachte mich in ihr Zentrum. An diesem Tag änderte sich mein ganzes Leben." Wenn betroffene Mädchen, wie in Angelas Fall, Glück haben, meldet eine Verwandte, Bekannte oder ein Zeuge der Stiftung die bevorstehende Zwangsheirat. Angela hat inzwischen ihre Schulausbildung abgeschlossen, hilft heute freiwillig in der Organisation und träumt davon, zu studieren. "Viele Männer glauben, sie seien Mädchen und Frauen überlegen. Aber jetzt sehen und respektieren sie mich, weil ich weitergekommen bin als viele von ihnen." Auch ihre Familie habe sich verändert: "Am Anfang fühlte ich Schmerz, weil meine Eltern mich verheiraten wollten. Heute sehen sie, wie sehr mich Bildung verändert hat. Jetzt schicken sie auch meine Schwestern in die Schule."
Eunice studiert Tourismusmanagement und träumt davon, Fotojournalistin zu werden (Kenia, 2025)
© Nicoló Lanfranchi
Eunice
Eunice, 22 Jahre, traf es besonders hart: "Mit neun Jahren verheiratete mich mein Vater mit einem 53-jährigen Mann. Ich war seine dritte Frau. Zwei Wochen lang lebte ich in seinem Dorf, hütete Kühe, holte Wasser, trug Feuerholz – es war die Hölle." Sie wurde von der Polizei und der Samburu Girls Foundation aus diesen Verhältnissen geholt. Heute studiert sie Tourismusmanagement. Und sie träumt davon, Fotojournalistin zu werden: "Am liebsten würde ich dann die Samburu-Geschichte erzählen – Kinderehen, Beading, all das. Es ist meine Geschichte, und damit will ich anfangen." Eunice ist inzwischen Mutter: "Meine Tochter Isla ist ein Jahr alt. Ihr Vater war nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen. Also bin ich zurück ins Zentrum gegangen – hier ist mein Zuhause. Ich will mein Studium beenden, arbeiten und eines Tages selbst genug verdienen, um eines der Mädchen hier zu unterstützen."
Nicoló Lanfranchi ist freier Journalist, Fotograf und Filmemacher. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.
Mehr Informationen zur Menschenrechtslage in Kenia findest Du hier und im Amnesty Report im Regionalkapitel Afrika. Wie in Kenia eine erfolgreiche soziale Bewegung zur Eindämmung von Femiziden entstand, liest Du hier.
Hier geht es zur Website der Samburu Girls Foundation.