Aktuell Israel und besetztes palästinensisches Gebiet 11. März 2026

Mutter von Hind Rajab im Interview: "Ihre Stimme ist die Stimme aller Kinder in Gaza"

Hind Rajab steht in einem Zimmer. Sie trägt ein Kleid und lächelt in die Kamera. Hinter ihr steht ein Schraank und ein großer Spiegel.k

Wurde nur fünf Jahre alt: Hind Rajab aus Gaza-Stadt (undatiertes Foto).

Am 29. Januar 2024 wurde die fünfjährige Hind Rajab vom israelischen Militär brutal getötet, als sie versuchte, aus einem Viertel in Gaza-Stadt zu fliehen. Auch vier ihrer Cousins, ihr Onkel und ihre Tante wurden dabei getötet, sowie zwei Sanitäter des Palästinensischen Roten Halbmonds, die Hind zu Hilfe kamen.

Hinds Mutter Wesam Hamada telefonierte mit ihr, während sich das kleine Mädchen vor den israelischen Soldat*innen versteckte und um Rettung flehte. Die Aufzeichnung von Hinds Notruf an die Helfer*innen des Palästinensischen Roten Halbmonds diente als Grundlage für den Oscar-nominierten Film "Hind Rajabs Stimme".

Amnesty International sprach mit Wesam Hamada auf einer internationalen Konferenz, die vom Europäischen Palästinensischen Netzwerk in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen organisiert wurde. Im Gespräch erzählte Wesam Hamada von den letzten Worten ihrer Tochter, warum sie sich verpflichtet fühlt, die Erinnerung an Hind wachzuhalten und von ihren Wünschen für die Kinder in Gaza.

Das Foto zeigt Wesam Hamada mit einem Kopftuch auf einer Treppe sitzend. Neben ihr sitzen ihre Tochter und ihr Sohn. Sie hält ihren Arm um sie. Sie lächeln in die Kamera.

Wesam Hamada mit ihrer Tochter Hind Rajab und ihrem Sohn Iyad (undatiertes Foto)

Was waren einige von Hinds letzten Worten an Sie?

"Ich habe Angst... komm und hol mich." Sie sagte einen Satz, der mir das Herz zerriss: "Mama, sie lügen. Bleib bei mir!" In diesem Moment wurde mir der Verrat bewusst. Ein Krankenwagen wurde zu ihr geschickt. Er hat es nicht geschafft. Er wurde bombardiert. Das bedeutet nur eines: Es war nicht erlaubt, ein Leben zu retten.

Machen Sie die Welt für ihren schrecklichen Tod verantwortlich?

Ich gebe nicht der Weltbevölkerung die Schuld, aber ich mache das Schweigen dafür verantwortlich. Das Schweigen, das das Verbrechen ermöglicht und die Wiederholung leicht macht.

Die Geschichte von Hind ist unvorstellbar herzzerreißend und erschütternd. Woher nehmen Sie die Kraft, weiterzumachen?

Ich bekomme meine Kraft von Hind. Sie war so stark, als sie stundenlang in dem Auto gefangen war. Sie telefonierte weiter, obwohl sie verletzt war, fror und Hunger hatte. Sie redete immer weiter, um am Leben zu bleiben. Sie versuchte, mich zu beruhigen, obwohl sie wusste, dass sie von israelischen Soldat*innen umzingelt war, dass geschossen wurde und dass sie sich in einer sehr gefährlichen Situation befand. Sie war viel stärker als ich.

Was soll die Welt über Ihre Tochter Hind erfahren?

Hind war ein sehr starkes und kluges Mädchen. Sie wollte Ärztin werden, um Kindern zu helfen. Nicht nur in Gaza, sondern überall auf der Welt. Wenn Hind heute am Leben wäre und all die schrecklichen Dinge sehen würde, die den Kindern in Gaza widerfahren, könnte sie das nicht ertragen.

Obwohl Ende vergangenen Jahres ein Waffenstillstand verkündet wurde, hält das Leiden in Gaza an. Was erleben die Palästinenser*innen im Gazastreifen gerade jetzt?

Der erste Beweis dafür, dass der Völkermord jeden Tag weitergeht, sind die vielen Menschen, die getötet werden. Meine Familie und Freund*innen sagen mir, dass sie nicht an Dinge kommen, die sie dringend brauchen. Es gibt keinen Zugang zu Wasser, Strom, Lebensmitteln oder Medikamenten. Das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen und die Kinder haben keinen Zugang zu Bildung. Der Völkermord hat nicht aufgehört, und das normale Leben ist nicht in den Gazastreifen zurückgekehrt. Jede Frau, jedes Kind, jeder Mensch in Gaza ist immer noch ein Ziel.

Warum ist es für Sie wichtig, an öffentlichen Veranstaltungen teilzunehmen, um über Hind und das, was sie durchgemacht hat, zu sprechen?

Als Mutter von Hind und Iyad trage ich eine große Verantwortung. Ich möchte Hinds Stimme am Leben erhalten, denn es ist nicht nur ihre Stimme, sondern die Stimme aller Kinder von Gaza. Es gibt den Kindern in Gaza Hoffnung, wenn sie sehen, dass die Menschen hinter ihnen stehen. Nicht nur mit unterstützenden Slogans, sondern mit echten Veränderungen. Wenn die Nothilfe sie in Gaza erreicht und wenn Krankenhäuser und Schulen wieder geöffnet werden.

Die Geschichte Ihrer Tochter wird in dem Oscar-nominierten Film "The Voice of Hind Rajab" erzählt. Was bedeutet es für Sie, dass man sich an Hind auf diese Weise erinnert?

Der Film steht nicht nur für die Geschichte von Hind, sondern auch für die von Tausenden von Kindern in Gaza. Mehr als 20.000 Kinder sind im Gazastreifen getötet worden. Der Film dokumentiert dieses Verbrechen. Und diese Dokumentation wird für die kommenden Generationen erhalten bleiben.

Hind Rajab steht in einem Zimmer vor einer Couch. Sie trägt ein Kleid und schaut mit verschränkten Armen in die Kamera.

Hind Rajab wurde am 29. Januar 2024 vom israelischen Militär in Gaza-Stadt getötet (undatiertes Foto).

Wie haben Sie die Stärke und Widerstandsfähigkeit der Kinder in Gaza erlebt?

Wir haben uns mit 75 anderen Familienmitgliedern in einem Keller versteckt. Das israelische Militär war sehr nah. Die Kinder waren sehr hungrig. Sie hatten seit neun Stunden nichts mehr gegessen. Um die Kinder ruhig zu halten und sicherzustellen, dass sie nicht von den Soldaten entdeckt werden, versprach ich ihnen, ein wirklich gutes Essen zu kochen, wenn wir überleben würden. In der Nacht zog sich das israelische Militär zurück. Aber ich konnte mein Versprechen nicht einhalten, weil wir nichts mehr zu essen hatten. Ich habe mich viele Male bei den Kindern entschuldigt. Sie antworteten einfach, dass es in Ordnung sei und dass es ihnen gut gehen würde.

Was wünschen Sie sich für die Kinder in Gaza?

Ich verlange nichts Unmögliches. Ich bitte um etwas ganz Einfaches: dass das Leben eines palästinensischen Kindes so geschützt wird, als ob es das Leben Ihres eigenen Kindes wäre. Wenn das Gesetz ein Kind nicht retten kann, dann ist es ein Gesetz, das zur Verantwortung gezogen werden muss. Und wenn die Welt nur handelt, wenn das Opfer wie ihre eigenen Kinder aussieht, dann braucht die Welt ein neues Gewissen.

Hind ist nicht mehr hier, aber ihre Geschichte ist eine Verantwortung. Und eine Verantwortung wird nicht mit Worten, sondern mit Taten aufrechterhalten.

Ich bitte Sie, sich nur für ein paar Sekunden das Ausmaß des Schmerzes vorzustellen, den die Mütter in Gaza ertragen, wenn sie ihre Kinder verlieren. Stellen Sie sich die Bitterkeit des Schmerzes vor, wenn Sie Ihr Kind nicht retten können, wenn Sie es nicht erreichen können, wenn Sie nicht wissen, wie seine letzten Momente waren. Dieser Schmerz lebt in den Müttern jeden Tag und mit jedem Atemzug, den sie tun.

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