Amnesty-Recherche belegt: US-Luftangriff auf Schule in Iran tötet über 100 Kinder
Rettungsarbeiten nach dem US-Luftangriff auf eine Schule in der iranischen Stadt Minab (28. Februar 2026)
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Ein verheerender Luftangriff verwandelte am 28. Februar 2026 die Shajareh-Tayyebeh-Grundschule in der iranischen Stadt Minab in ein Trümmerfeld. 168 Menschen starben bei dem Angriff, darunter über 100 Kinder. Recherchen von Amnesty International zeigen nun: Verantwortlich dafür sind sehr wahrscheinlich die US-Streitkräfte.
Es war kurz vor 10:45 Uhr, als das Personal der Shajareh-Tayyebeh-Grundschule in der iranischen Stadt Minab verzweifelt versuchte, die Eltern der Schüler*innen zu erreichen. Ein offizieller landesweiter Alarm und die Ankündigung von Schulschließungen standen kurz bevor. Die Kinder sollten umgehend in Sicherheit gebracht werden. Viele Familien eilten herbei, doch es war zu spät.
Ein Luftangriff zerstörte an jenem Morgen des 28. Februar 2026 das Unterrichtsgebäude, in dem Mädchen und Jungen auf getrennten Etagen unterrichtet wurden. Nach offiziellen Angaben starben 168 Menschen.
Laut Justizbehörden befinden sich unter den Todesopfern mindestens 110 Schulkinder. Offizielle Angaben sprechen von 66 getöteten Jungen und 54 getöteten Mädchen. Auch 26 Lehrkräfte und vier anwesende Elternteile kamen ums Leben. Aktuelle Amnesty-Recherchen zeigen: Verantwortlich für den Angriff sind sehr wahrscheinlich die US-Streitkräfte.
Dass die US-Streitkräfte die Schule ins Visier nahmen, könnte das Ergebnis eines fatalen nachrichtendienstlichen Versagens sein. Das heutige Schulgebäude befand sich früher innerhalb des direkt angrenzenden Militärgeländes der Revolutionsgarden (IRGC), wurde jedoch bereits vor Jahren durch Mauern davon abgetrennt und mit eigenen Eingängen versehen.
Das deutet darauf hin, dass die USA bei der Angriffsplanung die zwingend erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz von Zivilist*innen nicht umgesetzt haben – ein schwerer Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht.
Bagger heben Gräber aus für die Opfer des US-Luftangriffs auf eine Schule in der iranischen Stadt Minab (3. März 2026).
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Eskalation im gesamten Nahen Osten
Der Angriff auf Minab am 28. Februar 2026 ist Teil einer groß angelegten Militäroperation der USA und Israels, die am selben Tag mit tausenden Angriffen im ganzen Iran begann. Das iranische Militär hat seinerseits mit Luftangriffen auf mehrere Länder der Region geantwortet, darunter auch auf zivile Ziele, und die Kampfhandlungen haben sich auf die gesamte Region ausgeweitet.
Betroffene des Konflikts sind vor allem Zivilist*innen. Bislang wurden Berichten zufolge Tausende Menschen getötet, darunter mindestens 1.255 in Iran und mehr als 773 im Libanon. Allein in Iran wurden nach Angaben des Bildungsministeriums bereits mindestens 66 Schulen beschädigt oder zerstört.
Durch iranische Angriffe kamen in Israel mindestens 12 Menschen ums Leben. In anderen Ländern der Region wurden mindestens 17 Menschen dadurch getötet.
Was hat Amnesty herausgefunden?
Die Untersuchung von Amnesty International liefert stichhaltige Indizien, die auf eine Verantwortung der USA für den Angriff auf die Schule hindeuten. Obwohl US-Präsident Donald Trump die Verantwortung zunächst von sich wies, belegen vorliegende Fakten den Einsatz amerikanischer Waffensysteme. Amnesty International hat folgende zentrale Erkenntnisse dokumentiert:
- Die Auswertung von Raketentrümmern und Videos deutet darauf hin, dass sehr wahrscheinlich eine präzisionsgelenkte, in den USA hergestellte Tomahawk-Rakete eingesetzt wurde.
- Diese Raketen werden in diesem Konflikt ausschließlich von US-Streitkräften genutzt. Zudem bestätigte das US-Militär, am besagten Tag Tomahawks auf den Südiran abgefeuert zu haben.
- Dass die Schule zusammen mit 12 weiteren angrenzenden IRGC-Gebäuden beschossen wurde, gibt Anlass zur Sorge – weil es darauf hindeutet, dass sich das US-Militär auf veraltete Geheimdienstinformationen stützte.
- Dies weist darauf hin, dass die Konfliktparteien trotz fortschrittlicher nachrichtendienstlicher Fähigkeiten und künstlicher Intelligenz keine angemessenen Vorkehrungen getroffen haben, um das zivile Ziel zu verschonen.
Vor und nach den Luftangriffen: Satellitenbilder dokumentieren die Schäden
Rucksäcke im Staub
Videoaufnahmen, die unmittelbar nach dem Angriff entstanden, dokumentieren die erschütternden Szenen. Die Bilder deuten eindeutig darauf hin, dass der zerstörte Teil des Gebäudes für den Schulunterricht genutzt wurde.
- Dutzende staubige, dem Anschein nach teilweise mit Blut befleckte Kinderrucksäcke sammeln sich in einem Bereich, neben dem weinende Frauen verzweifelt ausharren.
- Die westliche Gebäudehälfte liegt weitgehend in Trümmern, während aus dem Inneren der noch stehenden, aber stark beschädigten Ostseite dichter Rauch aufsteigt.
- Ein*e unabhängige*r Gerichtsmediziner*in bestätigte gegenüber Amnesty, dass in den Trümmern sichtbare Körperteile – darunter ein abgetrennter Unterarm mit Explosionswunden – höchstwahrscheinlich von einem Kind stammen.
Missbrauch traumatisierter Kinder für Staatspropaganda
Aussagen von Augenzeug*innen und Videobeweise deuten zudem darauf hin, dass die iranischen Behörden das Leid der Opferfamilien und der überlebenden Kinder zu Propagandazwecken ausnutzen. Amnesty International hat Fälle dokumentiert, in denen verletzte Kinder von staatlichen Medienvertreter*innen weinend vor laufender Kamera bedrängt wurden.
Überlebende Kinder wurden zu den Überresten ihrer Schule gebracht und dort trotz sichtbarer Verletzungen und Traumatisierung gefilmt.
Ein erst zehnjähriges Mädchen mit einer sichtbaren Gesichtsverletzung wurde während einer Massenbeerdigung über die Ermordung ihres elfjährigen Bruders interviewt – ein Beitrag, der im Staatsfernsehen ausgestrahlt wurde.
Diese Nötigung und Instrumentalisierung verursachen schwere seelische Qualen. Sie könnten nach Einschätzung von Amnesty International einen Verstoß gegen das absolute Verbot von Folter und anderer grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung darstellen.
Bereits in der Vergangenheit hat Amnesty International wiederholt dokumentiert, wie die Behörden der Islamischen Republik Iran den gewaltsamen Tod von iranischen Kindern für staatliche Propaganda missbraucht haben.
So hat Amnesty Beweise gesammelt
Amnesty International konnte nicht direkt mit Zeug*innen und Familienangehörigen der Opfer sprechen, da die iranischen Behörden das Internet seit dem Angriffstag absichtlich blockieren. Unser Evidence Lab recherchierte stattdessen über folgende Wege:
- Analyse von über 30 Satellitenbildern der Schule und des IRGC-Geländes, die historische Aufnahmen über ein Jahrzehnt hinweg mit den Zerstörungen vergleichen.
- Detaillierte Auswertung und Verifizierung von 28 online veröffentlichten Videos und 30 Fotos Vorfalls sowie der Munitionsreste.
- Zusätzliche forensische Untersuchung des visuellen Beweismaterials durch eine*n unabhängige*n Gerichtsmediziner*in.
- Interviews mit drei unabhängigen, im Ausland lebenden Expert*innen, die über direkte Informationen zur Lage in Minab verfügten.
Was jetzt passieren muss
Die Verantwortlichen des tödlichen und mutmaßlich rechtswidrigen Angriffs auf die Schule müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Amnesty fordert:
- Transparente Untersuchung: Zielentscheidungen, verwendete Geheimdienstdaten und der Einsatz von KI durch die USA müssen unparteiisch geprüft und die Ergebnisse veröffentlicht werden.
- Konsequente Strafverfolgung: Bei ausreichender Beweislage müssen alle Verantwortlichen für mögliche Kriegsverbrechen zur Rechenschaft gezogen werden.
- Umfassende Reparationen: Die Opfer und ihre Familien haben ein uneingeschränktes Recht auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Entschädigung.
- Schutz der Zivilbevölkerung: Die iranischen Behörden müssen Zivilpersonen von militärischen Zielen fernhalten, das Internet wiederherstellen und unabhängige Beobachter*innen ins Land lassen.
*Name geändert
Der gesamte Amnesty-Bericht ist auf amnesty.org in englischer Sprache verfügbar.