"Vertreibung und Krankheit bringen dich um" – Die katastrophale Lage von Frauen in Gaza
Palästinensische Frauen im Flüchtlingslager Nuseirat im Gazastreifen (9. März 2026)
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In den vergangenen 29 Monaten haben die verheerenden Auswirkungen des Völkermords palästinensische Frauen und Mädchen im besetzten Gazastreifen an den äußersten Rand des Abgrunds getrieben. Ein neuer Amnesty-Bericht zeigt auf, wie diese besonders vulnerable Gruppe die Hauptlast der systematischen Massenvertreibung und des nahezu vollständigen Zusammenbruchs der Gesundheitsversorgung trägt.
Genozid im Gazastreifen: Die aktuelle humanitäre Situation für Frauen und Mädchen
Während die Weltöffentlichkeit auf die jüngste militärische Eskalation zwischen Israel, den USA und Iran blickt, vollzieht sich im Gazastreifen eine katastrophale Tragödie abseits der großen Schlagzeilen.
Die von Israel herbeigeführten Lebensbedingungen und der anhaltende Völkermord zielen auf die physische Zerstörung der Zivilbevölkerung ab. Ein aktueller Amnesty-Bericht zeigt die brutalen Konsequenzen für Frauen und Mädchen im Gazastreifen:
- Entbindung unter Lebensgefahr: Schwangere Frauen sind gezwungen, in überfüllten und unhygienischen Unterkünften ohne jede Privatsphäre oder angemessene medizinische Begleitung zu entbinden, wo sie sich zeitgleich von der Geburt erholen müssen.
- Schutzlos im Ausnahmezustand: Dabei müssen sie Hunger, Infektionskrankheiten und tiefgreifende Traumata bewältigen, während sie im Winter oft vollkommen unzureichend vor Kälte und Regenstürmen geschützt sind.
- Gezielte Verknappung von Hilfsgütern: Zusätzlich wird die Lage dadurch massiv verschärft, dass Israel wiederholt die Einfuhr essenzieller Güter wie Nahrungsmittel, lebensrettende Medikamente, Ausrüstung zur Wasseraufbereitung sowie Menstruationsbinden stark einschränkt.
- Stopp lebensrettender Therapien: Für Patientinnen mit lebensbedrohlichen Krankheiten wie Krebs ist die medizinische Behandlung entweder komplett unterbrochen oder gar nicht mehr zugänglich.
Ein palästinensisches Mädchen steht in Gaza-Stadt vor den Ruinen einer Gesundheitseinrichtung, die durch einen israelischen Luftangriff zerstört wurde (6. August 2025).
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Zerstörte Infrastruktur und Grenzschließungen: Die Ursachen der Krise in Gaza
Die unerbittlichen Bombardierungen der vergangenen zwei Jahre haben das Gesundheitssystem im Gazastreifen nahezu vollständig zerstört. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Health Clusters sind mittlerweile fast 60 Prozent aller Gesundheitseinrichtungen funktionsunfähig.
Die Schließung von Grenzen verschlimmert die Krise enorm: Ende Februar 2026 schloss Israel nach einem gemeinsam mit den USA durchgeführten Angriff auf Iran alle drei Grenzübergänge zum Gazastreifen, wodurch der ohnehin schon stark eingeschränkte Fluss humanitärer Hilfe und medizinischer Evakuierungen komplett zum Erliegen kam.
Agnès Callamard, internationale Generalsekretärin von Amnesty International, sagt dazu:
"Den Frauen im Gazastreifen werden die Bedingungen verweigert, die sie brauchen, um sicher zu leben und Leben zu spenden. Diese systematische Aushöhlung ihrer Rechte auf Gesundheit, Sicherheit, Würde und eine Zukunft ist keine unglückliche Nebenerscheinung des Krieges, sondern eine bewusste Kriegshandlung, die sich gegen Frauen und Mädchen richtet.
Sie ist auch die vorhersehbare Folge von Israels kalkulierter Politik und Praxis der mehrfachen Massenvertreibung, der absichtlichen Beschränkung grundlegender und lebenswichtiger Güter sowie der humanitären Hilfe und der zweijährigen unerbittlichen Bombardierung."
Eine Frau sitzt vor den Überresten ihres Hauses im Flüchtlingscamp Nuseirat im Gazastreifen, das durch einen israelischen Angriff vollständig zerstört wurde (18. März 2025).
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Daten und Fakten: Der Zusammenbruch der medizinischen Versorgung für Frauen
Kollabierende Medikamentenversorgung: Rund 46 Prozent der unentbehrlichen Arzneimittel sind laut Gesundheitsministerium nicht vorrätig.
Gefahr durch Unterernährung: Laut Prognosen zur Ernährungssicherheit werden bis Mitte Oktober 2026 insgesamt 37.000 schwangere und stillende Frauen akut von Unterernährung betroffen sein.
Kritische Lage auf Neugeborenenstationen: Die Stationen für Neugeborene sind nach Angaben des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) zu 150 bis 170 Prozent ausgelastet. Zudem fehlen in Krankenhäusern kardiorespiratorische Monitore für die Inkubatoren. Teilweise müssen medizinische Einwegmaterialien wie Beatmungsschläuche wiederverwendet werden.
Blockierte Krebsdiagnostik und Evakuierungen: Über 18.500 Palästinenser*innen benötigen dringend eine Behandlung außerhalb des Gazastreifens. Doch die medizinischen Evakuierungen laufen – wenn überhaupt – nur sehr schleppend an. Auch gibt es im gesamten Gebiet weder ein Krankenhaus, das Strahlentherapie anbietet, noch ein einziges funktionierendes MRT-Gerät für Krebsdiagnosen.
Katastrophale medizinische Lage: Warnung von Ärzt*innen aus dem Gazastreifen
Dr. Nasser Bulbol, Neonatologe auf der geburtshilflichen Abteilung des Al-Helou-Krankenhauses, schildert den drastischen Anstieg von Risikoschwangerschaften, weil schwangere Frauen an geschwächten Immunsystemen und Mangelernährung leiden:
"Die Vertreibungsbedingungen haben zu Infektionskrankheiten geführt, und die meisten Frauen kommen unter Stress, Trauma und Ungewissheit hierher, nachdem sie mehrfach vertrieben wurden, Angehörige verloren haben und nicht in der Lage sind, sich mit der nötigen Nahrung zu versorgen."
Trümmerlandschaft nach monatelangen israelischen Angriffen in der palästinensischen Stadt Dschabalia im Norden des Gazastreifens (7. November 2025)
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Blockierte Hilfsorganisationen: Israelische Restriktionen verschärfen die Not
Neben den militärischen Zerstörungen verschärfen von Israel eingeführte bürokratische und rechtliche Hindernisse die Krise. So haben die israelischen Behörden die Registrierung internationaler humanitärer Organisationen ausgesetzt, was lebenswichtige Dienste für Frauen und Mädchen massiv gefährdet.
Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen und Medical Aid for Palestinians, die zehntausenden Frauen ambulante Dienste, Nachsorge und Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt bieten, stehen unter enormem Druck. Eine betroffene NGO berichtete, dass sie bereits über 1.000 Kranke abweisen musste, da medizinische Hilfsgüter nicht eingeführt werden durften.
Methodik des Amnesty-Berichts: So wurden die Daten in Gaza erhoben
Der Amnesty-Bericht basiert auf umfassenden Recherchen, die wir zwischen dem 5. und 24. Februar 2026 durchgeführt haben. In diesem Zeitraum befragten wir 41 binnenvertriebene Frauen (unter ihnen 8 Krebspatientinnen), 4 Schwangere, 14 Frauen, die erst kürzlich nach dem sogenannten "Waffenstillstand" entbunden hatten.
Wir führten zudem Interviews mit 26 Mitarbeitenden aus sechs verschiedenen Gesundheitseinrichtungen in Gaza-Stadt und Deir al-Balah sowie mit vier Vertreter*innen internationaler Hilfsorganisationen.
Nachdem Israel die Lieferung von Hilfsgütern in den Gazastreifen erlaubt hat, versuchen Palästinenser*innen in Gaza-Stadt, an Lebensmittel zu gelangen (27. Juli 2025). Die Hilfe reicht bei weitem nicht aus.
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Forderungen an die internationale Politik: Wie Frauen in Gaza jetzt geholfen werden muss
- Sicherer humanitärer Zugang: Israel muss die rechtswidrigen Beschränkungen sofort aufheben. Medikamente, medizinische Ausrüstung und Hilfsorganisationen müssen ungehindert in den Gazastreifen gelangen können.
- Medizinische Evakuierungen sichern: Die willkürlichen israelischen Genehmigungsverfahren müssen enden. Es braucht zuverlässige Evakuierungsrouten mit einer Garantie auf sichere Rückkehr nach der Behandlung.
- Importfreigabe für Medizintechnik: Israel muss unverzüglich die Einfuhr von Labor- und Bildgebungsgeräten zulassen, die für die Diagnose schwerer Krankheiten wie Krebs unerlässlich sind.
- Internationaler Druck und Finanzierung: Die Staaten müssen diplomatischen und wirtschaftlichen Druck auf Israel ausüben, um die Angriffe zu stoppen. Gleichzeitig muss die finanzielle Unterstützung für Müttergesundheit und lokale Frauenorganisationen drastisch erhöht werden.
*Name geändert
Der gesamte Bericht ist auf Englisch auf amnesty.org hier zu finden.