Äthiopien: Gewalt gegen Mädchen und Frauen in Oromia muss geahndet werden
Foto aus dem Amnesty-Bericht "No one came to my rescue" zu sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Mädchen in der äthiopischen Region Oromia
© Amnesty International
Warnung: Diese Pressemitteilung enthält Beschreibungen von sexualisierter Gewalt und Folter.
Angehörige der Oromo-Befreiungsarmee (OLA) verüben im bewaffneten Konflikt in der äthiopischen Region Oromia sexualisierte Gewalt an Frauen und Mädchen. Ein neuer Bericht von Amnesty International dokumentiert Vergewaltigungen, Gruppenvergewaltigungen, sexualisierte Versklavung, außergerichtliche Tötungen und die Zerstörung von Zivileigentum, die mutmaßlich Kriegsverbrechen darstellen.
Der Bericht "No one came to my rescue": Gang rape, sexual slavery and mass displacement of women in Oromia, Ethiopia ("Niemand kam zu meiner Rettung": Gruppenvergewaltigungen, sexualisierte Versklavung und Massenvertreibungen von Frauen in Oromia, Äthiopien) dokumentiert die Gräueltaten an der Zivilbevölkerung, insbesondere an Frauen und Mädchen, die von der bewaffneten Gruppe OLA zwischen 2020 und 2024 in den Woredas (Bezirken) Sayo und Anfillo der Zone Kellem Wallaga begangen wurden.
Franziska Ulm-Düsterhöft, Afrika-Expertin bei Amnesty International in Deutschland, sagt: "Mädchen und Frauen werden Opfer von sexualisierter Gewalt wie (Gruppen-)Vergewaltigungen, sexualisierter Versklavung, außergerichtlichen Tötungen und Plünderungen. Seit sieben Jahren bringen Kämpfer in der Region Oromia unermessliches Leid über die Zivilbevölkerung. Diese Übergriffe sind entsetzlich und kommen möglicherweise Kriegsverbrechen gleich. Die äthiopischen Behörden müssen alle Täter zur Rechenschaft ziehen und den Betroffenen und Überlebenden Zugang zur Justiz gewähren."
Forderungen von Amnesty
- Deutsche Bundesregierung muss Druck machen: Die Bundesregierung ist die größte Geberin Äthiopiens und einer der wichtigsten Partner des Landes. Erst im November fanden bilaterale Regierungskonsultationen statt. Deutschland muss sich für eine Aufklärung und Ahndung von Menschenrechtsverletzungen stark machen.
- Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen: Amnesty fordert, dass die äthiopische Regierung die Menschenrechtsverletzungen durch die OLA untersucht und Verantwortliche zur Rechenschaft zieht. Die Mädchen und Frauen müssen außerdem Zugang zu medizinischer und psychologischer Hilfe bekommen.
Frau mit Kindern vor einem Lager für Binnenvertriebene in der äthiopischen Region Oromia (Archivaufnahme vom März 2023)
© IMAGO / Kyodo News
Menschenrechtssituation in Äthiopien
Seit Ausbruch des Tigray-Konfliktes (2020) hat sich die Menschenrechtssituation in Äthiopien dramatisch verschlechtert. Die Regierung unter Abiy Ahmed hat sämtliche freien Medien geschlossen und Medienschaffende verhaftet oder des Landes verwiesen. Zivilgesellschaftliche Organisationen stehen unter massivem Druck. "Es gibt keine Möglichkeiten der unabhängigen Dokumentation und Aufklärung von Menschenrechtsverstößen im Land mehr. Mit Blick auf die kommenden Wahlen im Juni ist es daher umso wichtiger, dass die internationale Gemeinschaft endlich wieder einen unabhängigen Berichtsmechanismus etabliert, um Gerechtigkeit zu ermöglichen", kommentiert Franziska Ulm-Düsterhöft, Afrika-Expertin bei Amnesty International in Deutschland.
Zum Konflikt in der Region Oromia
Die Kämpfe zwischen dem ehemaligen militärischen Flügel der Oromo-Befreiungsfront (OLF), der Oromo-Befreiungsarmee (OLA), und der äthiopischen Armee (ENDF) sowie verbündeten Sicherheitskräften der Region Oromia brachen 2019 aus. Obwohl der Konflikt von der Zivilbevölkerung einen enorm hohen Tribut fordert, findet er international keine Beachtung.
Überlebende aus Oromia berichten
Amnesty International befragte für den Bericht zehn Überlebende von Gruppenvergewaltigungen, darunter sieben Mädchen, die zum Zeitpunkt der Übergriffe unter 18 Jahre alt waren. Fünf der Betroffenen wurden zusätzlich Opfer sexualisierter Versklavung. Neun von ihnen waren von OLA-Kämpfern angegriffen worden. Außerdem wertete die Organisation Zeugenaussagen von Gesundheitspersonal und Krankenakten von Überlebenden aus.
Alle zehn Überlebenden kämpfen bis heute mit schweren körperlichen und psychischen Folgen infolge der ihnen zugefügten Gewalt.
Die Überlebenden fordern ein Ende der Menschenrechtsverletzungen sowie Gerechtigkeit und Rechenschaftspflicht. Eine Überlebende sagt: "Wenn es möglich ist, die Täter zu finden, hoffe ich auf Gerechtigkeit, damit das, was mir und anderen widerfahren ist, ein Ende hat."