Sektion der Bundesrepublik Deutschland

Amnesty Journal Oktober 2008

Frechblasen

Als Mittel der politischen Meinungsäußerung kommt den Karikaturen in der Geschichte der Türkei bis heute eine außerordentliche Rolle zu.
Von Markus Ströhlein

Wer sich im Urlaub in der Türkei an einen Zeitungskiosk verirren sollte, dem werden sie auffallen: die vielen quietschbunten Hefte, auf deren Titelblättern sich irrwitzige Comicfiguren tummeln. Die kleinen, zuweilen obszönen Gestalten mögen manche Touristen irritieren. Die meisten dürften sich aber ein Lachen nicht verkneifen können. Und kaum jemand wird sich nicht neugierig fragen: Was steht denn in den Sprechblasen?

"LeMan", "Penguen" oder "Lombak" heißen die Comic-Zeitungen, die in der Türkei überaus beliebt sind. Welch lange Geschichte die satirische Zeichnung in dem Land hat, zeigt das Buch "Die Nase des Sultans. Karikaturen aus der Türkei". In der Tat war es die Nase des Sultans Abdulhamid II., die die Zeichner in Konflikt mit der Staatsmacht brachte. Abdulhamid II. versuchte Ende des 19. Jahrhunderts, den drohenden Zerfall des Osmanischen Reiches mit diktatorischen Mitteln aufzuhalten. Die Zensur ging so weit, dass der Sultan das Wort "Nase" verbieten ließ, um Anspielungen auf seinen überaus großen Riecher zu unterbinden. Zwar traute sich niemand mehr, das Wort auszusprechen, die Nase wurde aber zum meistgezeichneten Symbol gegen die Zensur im Osmanischen Reich.

Welche bedeutende Rolle den Karikaturen in der Geschichte der Türkei bis heute als Mittel der politischen Meinungsäußerung zukommt, ist in "Die Nase des Sultans" sehr kurzweilig auf türkisch und auf deutsch beschrieben. Die von den Herausgeberinnen Sabine Küper-Büsch und Nigar Rona versammelten Autorinnen und Autoren widmen sich etwa der Geschichte, der soziologischen Funktion und den künstlerischen Mitteln der türkischen Karikaturen und verlieren sich dabei nie im Duktus der Experten.

Den stärksten Eindruck hinterlassen aber die Karikaturen selbst, die in großer Zahl die Texte illustrieren. Atemberaubend ist der Mut, der aus den Zeichnungen der legendären Satire-Zeitung "Gigir" hervorsticht. Diese wurde ein Jahr nach dem Militärputsch 1971 gegründet, in einer Zeit, in der Gewerkschaften und Parteien verboten waren, Bürgerrechte und Meinungsfreiheit extrem eingeschränkt und Oppositionelle in den Gefängnissen oder auf offener Straße ermordet wurden. Dieser Mut, die bestehenden Verhältnisse aus der verhältnismäßig wehrlosen Position des Karikaturisten anzugreifen, zeichnet auch die derzeit bestehenden Magazine aus, wie "Die Nase des Sultans" eindrucksvoll vermittelt. Als 2007 der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink ermordet wurde, prangerten die Zeitschriften die tödliche Allianz der Rechtsextremen mit der Polizei an. Und auch sonst ist nichts und niemand vor dem Spott der Zeichner sicher, sei es die schleichende Islamisierung, der türkische Ultranationalismus, der Hang, die Meinungsfreiheit willkürlich zu beschränken, oder der ganz normale Alltagswahnsinn wie der immer wiederkehrende Ehekrach, die internetsüchtigen Jugendlichen oder die Superstar-Manie. Die Karikaturen als schlichte Zeichnungen zu betrachten, wäre deshalb verfehlt. Denn, wie sagte der bekannte Karikaturist Metin Üstündag einmal: "Unsere Zeichnungen sind Aufschreie, sie treffen ins Herz."

"Die Nase des Sultans. Karikaturen aus der Türkei". Sabine Küper-Büsch/Nigar Rona (Hrsg.). Dagyeli Verlag. Berlin 2008. 280 Seiten. 28 Euro.