ai-Journal: Sie waren fast zwei Jahre im Gefängnis. Welches Verbrechen wurde Ihnen zur Last gelegt?
Ibrahim Aksoy: Ich habe zwei Haftstrafen abgesessen. Zu einer wurde ich verurteilt, weil ich in der Türkei in der türkisch-kurdischsprachigen Zeitung Azadi meine Ansichten in einer Kolumne veröffentlicht habe. Darin habe ich mich für Frieden und Menschenrechte eingesetzt sowie für eine gerechte und friedliche Lösung der Kurdenfrage. Der Staatsanwalt des Staatssicherheitsgerichtes hat das als eine Straftat angesehen und hat das Verfahren gegen mich eröffnet.
Eine weitere Strafe bekam ich, weil ich als Generalsekretär der Partei HEP (Arbeiterpartei des Volkes) eine Rede in Konya gehalten habe. Es gibt noch zahlreiche andere Verfahren, die gegen mich laufen. Ich habe aber nach meinem eigenen Verständnis und nach dem internationalen Verständnis keine Straftat begangen.
Was haben Sie denn bei Ihrer Rede in Konya gesagt?
Ich habe gesagt, daß die HEP eine Partei der Demokratie und eine Partei der Unterdrückten in der Türkei ist. Und wenn Kurden unterdrückt sind, dann sind wir folglich auch eine Partei der Kurden. Dafür wurde ich zu zehn Monaten Haft verurteilt, denn eine kurdische Partei zu gründen verstößt in der Türkei gegen die Gesetze.
Was tut man, wenn man wegen solcher Delikte im Gefängnis sitzt?
Wenn man weiß, daß man sich für das Wohl anderer Menschen eingesetzt hat, und deswegen eingesperrt wird, ist das natürlich kein gutes Gefühl. Aber es war erleichternd, daß ich sehen konnte, daß das, wofür ich mich eingesetzt habe, mich zum Gegner der theokratischen Führung in der Türkei machte. Und zu sehen, daß man weltweit Unterstützung bekommt, für das, was man getan hat - das ist natürlich auch eine wichtige Quelle, um einen moralisch aufzubauen.
Hat Ihnen der Kontakt zu amnesty international geholfen?
Diese moralische Unterstützung ist zu einem sehr großen Teil auf die Arbeit von ai zurückzuführen. Seit Herbst 1996 hat ai für meine Freilassung gearbeitet. Daraufhin habe ich zahlreiche Briefe und Karten von ai-Mitgliedern aus aller Welt bekommen. Viele Menschen haben mir mehrmals sehr persönliche Briefe geschrieben oder Fotos geschickt. Auf diesem Wege möchte ich allen ai-Mitgliedern meinen Dank aussprechen.
Hat die Haftzeit Sie verändert?
Ja, und zwar insofern, daß ich angesichts so großer moralischer Unterstützung noch mehr Antrieb bekommen habe. Nach dieser Zeit im Gefängnis bin ich motiviert, mich noch intensiver einzusetzen.
Wie ist die Lage in den türkischen Gefängnissen?
Folter ist eines der Hauptmittel, um Häftlinge zum Reden zu bringen. Folter ist Staatspolitik, und die Folterer werden vom Staat unterstützt. Niemand zieht sie später zur Rechenschaft. Ich war während des Militärputsches 1980 45 Tage lang in Haft, und der Mann der mich dort gefoltert hat, ist jetzt Gouverneur der Stadt Bursa.
Aus Sicht der politischen Häftlinge gibt es noch eine zweite Art von Folter. Politische Häftlinge sind meist arm, und der türkische Staat stellt für die Ernährung eines Häftlings einen Dollar pro Tag zur Verfügung. Heutzutage kann man in der Türkei für einen Dollar 150 Gramm Schafskäse oder einen halben Hamburger kaufen. Mit so wenig versucht man, die Häftlinge zu ernähren. Man kann sagen, daß ein großer Teil der Häftlinge krank ist. Mit diesem Problem sollte sich ai auch befassen.
Darüber hinaus sehen politische Häftlinge ständig dem Tod ins Auge. Im Sommer 1996 gab es einen Hungerstreik im Gefängnis, dabei kamen zwölf Menschen ums Leben. Einer von ihnen hatte mit mir zusammen in Ankara im Gefängnis gesessen. Danach gab es diesen Häftlingstransport in Diyarbakir, wo Sondereinheiten der Polizei die Häftlinge zusammengeschlagen haben und zwölf Personen getötet haben.
In der Türkei laufen noch Verfahren gegen Sie und Ihnen droht Gefahr, wieder ins Gefängnis zu kommen - möchten Sie trotzdem zurückkehren?
Das ist eine sehr sonderbare Frage, die mir immer wieder gestellt wird. Diese Frage "Möchtest du in deine Heimat zurückkehren?", ist so, als ob man einen Vogel fragen würde: "Möchtest du in dein Nest zurückkehren?". Oder eine Mutter fragen würde "möchtest du zu deinem Kind zurückkehren?". Aber diese Fragen zeigen mir, daß meine Heimat sich in einem sehr schlimmen Zustand befindet, in dem man kaum noch leben kann.
Sie haben in Hamburg studiert und sprechen sehr gut deutsch - haben Sie nie mit dem Gedanken gespielt, dauerhaft nach Deutschland zu gehen?
Damit würde ich das Angebot zum Schweigen annehmen, das uns auch von der Türkei ständig unterbreitet wird. Wir wollen aber nicht schweigen. Wenn ich das gewollt hätte, wäre ich nach meinem Studium hier geblieben. Ich hätte mir hier ein Leben aufbauen können. Aber ich möchte dort leben, wo ich geboren und aufgewachsen bin, und ich möchte dort in Frieden leben.
Setzen Sie Ihre Arbeit auch von hier aus fort?
Sicherlich. Ich trete bei Veranstaltungen als Redner auf und werde Gespräche mit Politikern führen. Ende des Jahres werde ich dann vermutlich in die Türkei zurückkehren.
Von Deutschland aus werden immer wieder abgelehnte kurdische Asylbewerber in die Türkei abgeschoben. Aber dort sind sie nicht sicher.
In der Türkei sind sie auf keinen Fall in Sicherheit. In den Orten, in denen Kurden leben, herrschen keine menschlichen Lebensbedingungen. Seit 1990 wurden 4000 kurdische Dörfer niedergebrannt, deshalb mußten dreieinhalb bis vier Millionen Menschen ihre Heimat verlassen. Solange sich nicht die Umstände so ändern, daß die Menschen in der Türkei leben können, ist es sehr schlimm, Kurden abzuschieben.
Deutsche Politiker und Richter behaupten, kurdische Flüchtlinge könnten im Westen der Türkei Sicherheit finden.
Kurden werden auch im Westen der Türkei politisch verfolgt. Außerdem gibt es keine staatlichen Hilfen für die Menschen, die dort hinkommen und sich dann dort niederlassen müssen. Man muß sich fragen, ob sie eine Unterkunft haben, man muß sich fragen, ob diese Menschen eine Arbeit haben, ob die Kinder zur Schule gehen können, ob sie sich wenigstens ernähren können. Ich denke, daß die Antwort auf diese Fragen negativ sein wird.
Was können die Deutschen tun, damit in der Türkei die Menschenrechte respektiert werden?
Sich fragen, was sie tun können, um die Gewalt in der Türkei nicht zu unterstützen. Zum Beispiel wurden die Restbestände der NVA an die Türkei abgegeben, und die Türkei setzte diese Waffen gegen Kurden ein. Jetzt unterstützt Deutschland die türkische Polizei durch know-how und Geräte. Und man konnte zum Beispiel kürzlich in den Medien sehen, daß in Ankara Journalisten von Polizisten verprügelt wurden. Jetzt muß man sich natürlich fragen: Waren das Polizisten, die von Deutschland Unterstützung bekommen haben? Da müssen sich die deutschen Steuerzahler fragen, ob sie damit einverstanden sind.
Es ist bekannt, daß Deutschland sehr gute Beziehungen zur Türkei unterhält. Wir Kurden sind im Prinzip nicht gegen diese Beziehungen. Allerdings ist es notwendig, daß diese Beziehungen von der deutschen Regierung dazu genutzt werden, die Türkei dazu anzuhalten, die internationalen Abkommen einzuhalten, die sie ratifiziert hat. Da kommt der deutschen Bevölkerung eine sehr wichtige Aufgabe zu: nämlich ihre Regierung dazu zu bringen, entsprechenden Einfluß geltend zu machen. Ich glaube, daß die Türkei sich jedem Druck aus Deutschland hinsichtlich der Einhaltung der Menschenrechte und der Demokratie beugen wird.
Welche Veränderungen wünschen Sie sich am meisten?
Ich wünsche mir, daß Kurden kurdisch sprechen dürfen, daß es Radio und Fernsehen in kurdischer Sprache gibt und daß kurdische Kinder kurdische Schulen besuchen können - es würde niemandem schaden, wenn den Kurden diese Rechte gewährt würden. Es würde auch keine Teilung der Türkei mit sich bringen oder die Türkei auch nicht daran hindern, sich nach Europa zu öffnen. Ganz im Gegenteil.
Interview: Ina Rometsch
| Letzte Aktualisierung dieser Seite: 5. Oktober 1997 |