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amnesty international: ai-Journal 10/97

Editorial

Harald Gesterkamp

Fast auf der ganzen Welt ist die New Yorker Polizei bewundert worden: Deren Strategie der "Zero Tolerance" - das konsequente Vorgehen gegen jede Form der Kriminalität, also auch gegen geringfügige Delikte wie Urinieren in der Öffentlichkeit - hat dazu beigetragen, daß die Verbrechensrate in der US-Metropole um etwa die Hälfte gesunken ist. Deutsche Politiker, vor allem jene aus Großstädten, in denen Kriminalität ebenfalls ein Problem ist, haben nicht nur Beifall geklatscht, sondern angekündigt, diesem Vorbild folgen zu wollen.

Mitten hinein in diese Lobeshymnen wurde das Schicksal von Abner Louima bekannt. Der 30jährige Haitianer ist auf dem 70. Polizeirevier von New York verprügelt und schwer mißhandelt worden; unter anderem soll ihm eine Saugglocke - eigentlich dient sie der Reinigung verstopfter Toiletten - in den After eingeführt und anschließend in den Mund gestopft worden sein. Innere Blutungen und ausgeschlagene Zähne waren die Folge. Der gut dokumentierte Übergriff auf den Haitianer schlug Wellen: Inzwischen ermitteln 700 Beamte gegen die eigenen Kollegen. Auch in zahlreichen anderen Fällen versuchen sie, die "Mauer des Schweigens" zu durchbrechen.

Neu sind die Vorwürfe gegen New Yorker Polizisten indes nicht: Denn mit der neuen Politik der Verbrechensbekämpfung vor etwa fünf Jahren stieg nicht nur die Zahl der Festnahmen, sondern auch die der Beschwerden gegen Beamte. Vor allem Schwarze und Hispanoamerikaner sind die Leidtragenden des "harten Anfassens". Im Juni 1996 hatte amnesty international auf 72 Seiten 90 Polizeiübergriffe, einige sogar mit tödlichem Ende, aus New York dokumentiert - der Fall Louima paßt in dieses Muster. Jedes Jahr zahlt die Stadt zweistellige Millionenbeträge als Entschädigung für die Opfer polizeilicher Gewalt.

Selbstverständlich ist es Aufgabe der Polizei, die Kriminalität zu bekämpfen. Doch wer dabei lautstark die Nachahmung des New Yorker Modells fordert, der darf auch zu den Schattenseiten nicht schweigen. Mißhandlung und Folter haben bei der Polizei nichts zu suchen. Natürlich sind nicht alle Menschen, mit denen die Polizei in ihrem Alltag zu tun hat, umgänglich und sympathisch - ihre Menschenrechte verlieren sie dadurch aber nicht. Die Arbeit der Polizeibeamten in Städten wie New York oder auch Berlin ist bestimmt nicht immer leicht. Doch das darf keine Entschuldigung für Menschenrechtsverletzungen sein, bei denen die Opfer Prellungen und Knochenbrüche davontragen - oder, wie gelegentlich in New York, an den Folgen der Mißhandlungen sterben.

Harald Gesterkamp ist Redakteur des ai-Journals.

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 5. Oktober 1997

© amnesty international


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