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amnesty international: ai-Journal 10/97

Colonia Dignidad: Geheimnisumwittert und menschenverachtend

Vor 36 Jahren wanderte eine Gruppe von Menschen aus dem rheinischen Siegburg nach Südchile aus, machte Land urbar und brachte Wohlstand in die Region. So weit die Legende der Kolonie, dem Skandale um Kindesmißbrauch, Folter und totale Unfreiheit der Bewohner gegenüberstehen.

Die Geschichte der Colonia Dignidad beginnt 1961. In diesem Jahr begann eine Gruppe von deutschen Einwanderern, eine Landschaft bei Parral im Süden Chiles, etwa 400 Kilometer südlich von Santiago, zu bewirtschaften. Auf dem Gelände des Gutes gibt es eine Schule und ein Krankenhaus, in dem zweimal in der Woche Patienten aus der Umgebung kostenlos medizinisch versorgt werden. Die deutsche Siedlung brachte wirtschaftlichen Aufschwung, und mit ihrer Hilfe wurde die Infrastruktur der Region verbessert: 160 Kilometer Straße hat die Colonia Dignidad in den ersten Jahren ihres Bestehens gebaut, und ihre Nahrungsmittelproduktion gleicht der eines Lebensmittelkonzerns. 1000 Brote täglich sind beispielsweise der Ausstoß der sekteneigenen Bäckerei. Ein Restaurant im benachbarten Bulnes namens "Casino Familiar" gehört ebenfalls zum Colonia-Imperium.

"Arbeit ist Gottesdienst" lautet einer der Grundsätze des Predigers Paul Schäfer, der die "Sociedad Benefactora y Educacional Dignidad" (Gesellschaft für Wohlfahrt und Erziehung 'Würde') gründete. Diesem Grundsatz folgend wird die Arbeit der Kolonie-Mitglieder auch nicht vergütet, sondern alles, was man erwirtschaftet, fließt in die Kassen einiger weniger an der Spitze der Gemeinschaft.

Nachdem Paul Schäfer 1952 eine Stelle als Kreisjugendwart in Gartow an der Elbe gekündigt wurde, zieht er ins nach Siegburg. In mehreren Gemeinden tritt er als Prediger auf, denn ihm gelingt es, Menschen zu begeistern. Aus Hamburg und Gronau verlassen Schäfer-Anhänger ihre evangelisch-freikirchlichen Gemeinden und folgen ihm nach Siegburg. Schäfer und seine Freunde kaufen dort 1956 ein Haus, das als Jugendheimstätte dient. Als Trägerverein wird später der Verein "Private Sociale Mission" gegründet, der bis in die 90er Jahre als deutsches Standbein der Colonia Dignidad dient.

Schäfer selbst gerät ins Zwielicht. 1961 stellt die Bonner Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl gegen ihn wegen sexuellen Kindesmißbrauchs aus. Er flüchtet in einer Nacht und Nebel-Aktion nach Chile, mehr als 200 Mitglieder der "Privaten Socialen Mission" folgen ihm. Die Gruppe verkauft ein Grundstück in Deutschland und kauft ein Landgut im Süden des Andenstaates, das in den kommenden Jahren auf eine Größe von etwa 13.000 Hektar erweitert wird.

Die Geschichte der Colonia Dignidad begann also mit einem Haftbefehl gegen Paul Schäfer. Sie könnte auch damit enden, denn inzwischen ermitteln auch die chilenischen Behörden gegen den Leiter der Kolonie. Der Vorwurf: Kindesmißhandlung. Das alte Verfahren gegen Schäfer wegen des gleichen Delikts war in Deutschland längst im Sande verlaufen. 1970 war der Haftbefehl aufgehoben worden, 1974 wurde die Akte 14 JS 173/61 geschlossen.

1966 sorgt die Colonia Dignidad erstmals überregional für negative Schlagzeilen. Wolfgang Müller, der heute Kneese heißt, flüchtet aus der Kolonie und berichtet von horrorähnlichen Zuständen auf dem Mustergut. Freiheitsberaubung, sexuelle Mißhandlungen, Schläge, sogar mysteriöse Todesfälle werden in der Öffentlichkeit diskutiert. Elf Jahre später sorgt die amnesty-Veröffentlichung für den nächsten Skandal. Doch auch die Foltervorwürfe ziehen nicht die Schließung der Siedlung nach sich. Ihr Unterstützerumfeld in Deutschland hat Rang und Namen: So gehören damals mehrere CSU-Politiker zu den Freunden der Kolonie, ebenso der Siegburger Bundestagsabgeordnete Adolf Herkenrath und der ZDF-Journalist Gerhard Löwenthal. Der Königswinterer Waffenhändler Gerhard Mertins verteidigt die Kolonie besonders heftig. Wie er gehört auch der frühere deutsche Botschafter in Chile, Erich Strätling, zu den 120 Gründungsmitgliedern eines "Freundeskreises" der Colonia in Deutschland. Sie alle haben die Kolonie besucht und dabei "keine Folterkammern entdecken können". Von daher ist es nur folgerichtig, daß sie in der Dokumentation von amnesty international eine Verleumdungskampagne sehen. Als Drahtzieher hat man schnell den damaligen ai-Generalsekretär Helmut Frenz ausgemacht, der im rechten "Deutschland-Magazin" gar als "falscher Bischof" tituliert wird. Waffenhändler Mertins besucht Frenz eines Tages in seinem Büro in der Bonner Heerstraße und droht ihm mit Konsequenzen, sollte er seine Kampagne gegen die Colonia Dignidad nicht einstellen.

Erst nach 1985 wird es um die Unterstützer der Gruppe leiser. Mit der Flucht der Eheleute Packmor und Baar aus Chile - beide gehören der Führung der Kolonie an - ändert sich die öffentliche Meinung. Gegenüber der deutschen Botschaft in Santiago und später auch gegenüber der Bonner Staatsanwaltschaft, dem Deutschen Bundestag und Vertretern von amnesty international schildern sie die Zustände in der Kolonie. Hugo Baar berichtet, daß mehrere Mitglieder der Kolonie, unter ihnen seine Tochter Dorothea, von Paul Schäfer persönlich mißhandelt oder im Krankenhaus der Colonia mit Elektroschocks und Medikamenten behandelt wurden, "weil sie nicht den Vorstellungen des Herrn Schäfer entsprechen". Lotte Packmor bestätigt die Mißhandlungsvorwürfe: Kinder sollen Injektionen in die Hoden bekommen haben; und die männlichen Bewohner zwischen drei und 16 waren allein in Schäfers Obhut. Er allein soll sie gebadet haben und umgab sich immer mit zwei sogenannten Sprintern. Einer davon mußte bei ihm übernachten. Die Angehörigen bekommen davon nichts mit, weil es zu Schäfers Ideologie gehört, Familien zu trennen. Ein Christ müsse frei sein von verwandtschaftlichen Beziehungen, um Gott besser dienen zu können. Alle Bewohner der Kolonie müssen außerdem Schäfer persönlich beichten, so daß er immer über jeden Bescheid wußte und Abweichler bestrafen konnte. Strenge Überwachungsmaßnahmen und die geographische Lage haben die Isolation der Menschen gefördert und ermöglicht.

Tönte Paul Schäfer in den 70er Jahren noch "Die Botschaft habe ich in der Hand", so sieht er sich nun in Deutschland einer Strafverfolgung wegen "Freiheitsberaubung, Körperverletzung u.a." ausgesetzt. Die Zeit kollektiver Paßverlängerungen in der Botschaft in Santiago sind vorbei, ebenso die der pauschalen Überweisung von Renten auf Konten der "Privaten Socialen Mission". In einem als vertraulich ausgewiesenen Bericht an das Auswärtige Amt schrieb ein Vertreter der Botschaft nach einem Besuch der Kolonie 1985, die Siedlung gleiche einem Arbeitslager. Über eine Gesangsvorführung hieß es: "Die Chormitglieder machen den Eindruck von starren, konditionierten 'Singrobottern'. Die ausdruckslose Leere ihrer Gesichter, zuweilen auch unverkennbare Traurigkeit, lassen darauf schließen, daß ihre Lieder nicht in einem ungezwungenen Singspiel eingeübt worden, sondern ihnen eher mit lautem Peitschengeknall eingebläut worden ist. ... So muß Theresienstadt gewesen sein."

Nach der Demokratisierung in Chile gerät die Kolonie unter Druck. Die "Sociedad Benefactora" wurde von der Regierung aufgelöst, die Vermögenswerte waren aber rechtzeitig auf Nachfolgegesellschaften übertragen worden. Seit 1996 verklagen auch chilenische Eltern Paul Schäfer wegen sexuellen Mißbrauchs ihrer Kinder. Ende Juli 1997 können der 24jährige Tobias Müller und der Chilene Zalo Luna aus der Kolonie flüchten. Sie bestätigen die Mißhandlungen und beeerichten, daß sich Paul Schäfer nochimmer in der Siedlung aufhalte. Seitdem kommt es immer wieder zu polizeilichen Durchsuchungen der Kolonie. Paul Schäfer ist bis heute nicht festgenommen worden.

Die Deutschensiedlung hat bis in die Gegenwart einen starken Schutzpatron in Teilen des chilenischen Staats. Der zweite Mann der Kolonie, der Arzt Hartmut Hopp, wurde im August festgenommen, Anfang September aber nach einem Gerichtsbeschluß in Talca gegen Zahlung einer Kaution von nur 1.300 Mark wieder freigelassen.

Um die Colonia Dignidad ranken sich weitere Geschichten: So sollen sich angeblich Alt-Nazis auf dem Gelände aufgehalten haben. Andere Recherchen legen nahe, es gebe Waffenlieferungen und Giftgasproduktion in Regie der Deutschen. Medizinische Tests und künstliche Befruchtungen gebe es im Krankenhaus. Auch eine Mitwirkung am Putsch gegen Allende wurde der Siedlung schon nachgesagt. Beweise für all das wurden bislang nicht vorgelegt. Doch die Colonia Dignidad birgt zahlreiche Geheimnisse, die bestenfalls gelüftet werden, wenn die Siedlung eines Tages geschlossen wird.

Erwin Claus

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 5. Oktober 1997

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